Ein Plädoyer für das passive Investieren

Rund um volatile Märkte taucht immer wieder dieselbe Forderung auf: Jetzt müsse man aktiver werden, das Portfolio stärker steuern, Chancen gezielt nutzen und Risiken laufend anpassen. Das klingt im ersten Moment logisch. Gerade wenn die Kurse stark schwanken, scheint Aktivität fast schon vernünftig.

Genau hier liegt aber ein Missverständnis. Passiv investieren bedeutet nicht, nichts zu tun. Es bedeutet auch nicht, gedankenlos einen ETF zu kaufen und sich nie mehr damit zu beschäftigen. Passiv investieren heisst vor allem, auf die Illusion zu verzichten, einzelne Gewinner zuverlässig vorhersagen zu können.

Und trotzdem braucht es dabei jede Menge aktiver Entscheidungen. Sogar sehr viele. Genau darum ist eine passive Anlageumsetzung so überzeugend, gerade in einem Marktumfeld wie 2026.

Passiv investieren ist nicht passiv im Denken

Viele setzen das Wort passiv mit Untätigkeit gleich. Das ist ein Fehler. Wer passiv investiert, verzichtet nicht auf Entscheidungen. Er verlagert die Entscheidungen einfach weg von kurzfristigen Marktprognosen hin zu den wirklich wichtigen Grundlagen.

Die Kernidee ist simpel: Nicht einzelne Aktiengewinner erraten wollen, sondern den Markt effizient und breit abbilden. Das ist etwas völlig anderes als sich einfach treiben zu lassen.

Ein passiver Ansatz verlangt Klarheit, Disziplin und Struktur. Er verlangt sogar mehr strategisches Denken, weil die zentralen Weichen nicht bei der nächsten Trendaktie gestellt werden, sondern bei der Frage, wie das gesamte Vermögen aufgebaut wird.

Die aktiven Entscheidungen, die auch passive Anleger treffen müssen

1. Die erste Entscheidung: überhaupt starten

Die wichtigste Entscheidung am Anfang ist ganz banal und gleichzeitig entscheidend: Du musst dich überhaupt fürs Investieren entscheiden. Wer nie beginnt, hat auch keine Chance auf Vermögensaufbau, Risikoprämien und Zinseszinseffekt.

2. Die Anlagestrategie und Asset-Allokation festlegen

Danach kommt die zentrale Grundsatzfrage: Wie soll dein Vermögen überhaupt aufgestellt sein?

Hier geht es nicht um Apple oder Microsoft. Hier geht es um die Aufteilung auf Anlageklassen:

  • Wie viel in Aktien?
  • Wie viel in Obligationen?
  • Wie viel in Immobilien?
  • Wie viel in Gold?
  • Wie viel allenfalls in Bitcoin oder andere Bausteine?

Diese Asset-Allokation ist eine der wichtigsten Entscheidungen überhaupt. Sie erklärt den überwiegenden Teil der langfristigen Portfoliorendite. Oft ist von 80 bis 90 Prozent die Rede. Das heisst: Nicht die einzelne Aktie entscheidet primär über den langfristigen Erfolg, sondern die Frage, in welche Anlageklassen du investierst und in welchem Verhältnis.

3. Regionen bewusst gewichten

Selbst innerhalb der Aktien beginnt die eigentliche Strategiearbeit erst richtig. Denn auch bei einer passiven Umsetzung musst du festlegen, wo du investierst.

Ein weltweiter ETF klingt zwar automatisch nach maximaler Diversifikation, aber so einfach ist es nicht. Wer zum Beispiel einen MSCI World ETF kauft, investiert eben nicht gleichmässig in die ganze Welt. Der US-Anteil ist sehr hoch, grob bei rund 70 Prozent. Die Schweiz ist dagegen nur sehr klein vertreten, etwa mit rund 2 Prozent.

Deshalb ist die regionale Gewichtung eine aktive strategische Entscheidung:

  • Wie viel USA willst du im Portfolio?
  • Wie viel Schweiz?
  • Wie viel Europa?
  • Wie viel Schwellenländer?

Wer hier einfach blind irgendeinen Weltindex kauft, hat oft gar nicht verstanden, was tatsächlich im Portfolio steckt.

4. Grösse der Unternehmen berücksichtigen

Dann kommt die nächste Ebene: die Marktkapitalisierung. Willst du nur grosse Unternehmen im Depot haben? Oder auch kleinere Firmen einbeziehen?

Breite Indizes gewichten grosse Konzerne naturgemäss stärker. Das führt dazu, dass wenige Titel einen sehr grossen Einfluss haben. Wer breiter diversifizieren möchte, kann gezielt auch Small Caps, also kleinere Unternehmen, ergänzen.

Auch das ist wieder eine aktive Entscheidung innerhalb eines passiven Ansatzes.

5. Die richtigen Instrumente auswählen

Ist die Strategie einmal definiert, stellt sich die nächste Frage: Mit welchen Produkten setzt du sie um?

Gerade bei ETFs ist die Auswahl riesig. Inzwischen gibt es gefühlt mehr ETFs als Aktien. Deshalb reicht es nicht, einfach irgendeinen ETF zu kaufen. Die Auswahl des Instruments ist entscheidend.

Wer passiv investiert, sollte wissen, worauf bei ETFs zu achten ist. Denn zwischen den einzelnen Produkten gibt es Unterschiede, die langfristig durchaus relevant sein können.

6. Rebalancing nicht vergessen

Märkte entwickeln sich unterschiedlich. Manche Regionen laufen besser, andere schlechter. Dadurch verschiebt sich die ursprüngliche Portfoliostruktur mit der Zeit automatisch.

Wenn du zum Beispiel einmal festgelegt hast, wie viel Schweiz, Ausland, grosse Titel und kleinere Titel du halten willst, dann ist diese Zielstruktur nach einiger Zeit oft nicht mehr gegeben.

Dann stellt sich die Frage: Willst du zurück auf deine ursprüngliche Strategie?

Genau das ist Rebalancing. Auch hier braucht es wieder eine aktive Entscheidung. Ab welcher Abweichung greifst du ein? In welchem Rhythmus überprüfst du die Gewichtungen? Das alles gehört zu einer sauberen passiven Umsetzung.

7. Den Investitionszeitpunkt festlegen

Auch der Kaufzeitpunkt ist nicht einfach nebensächlich. Du musst entscheiden:

  • Investierst du monatlich?
  • Quartalsweise?
  • Alles auf einmal?
  • Oder gestaffelt?

Auch das sind aktive Entscheidungen. Passiv investieren heisst also keineswegs, keine Entscheidungen treffen zu müssen. Es heisst lediglich, dass die Entscheidungen auf Strategieebene getroffen werden und nicht auf Basis kurzfristiger Börsenprognosen.

Warum 2026 wieder zeigt, wie stark passives Investieren ist

Das Börsenjahr 2026 liefert erneut ein sehr gutes Beispiel dafür, warum eine indexierte Umsetzung so überzeugend ist.

Im amerikanischen Aktienmarkt, also beim S&P 500, hat sich das Bild gegenüber 2025 deutlich verändert. Die grössten Titel waren nicht mehr automatisch die besten Titel. Die sogenannten Magnificent Seven, also die grossen Technologiekonzerne, lagen zum Zeitpunkt der Einordnung sogar im Minus und lieferten einen negativen Renditebeitrag.

Gleichzeitig ist eine andere Ecke des Marktes regelrecht explodiert: Halbleiteraktien. Dort gab es im ersten Halbjahr 2026 teilweise Kurszuwächse von über 100 Prozent.

Genau hier zeigt sich das Problem des aktiven Investierens. Wer auf die Gewinner von gestern gesetzt hat, also weiter bei den grossen Tech-Namen geblieben ist, war 2026 plötzlich enttäuscht. Wer dagegen genau rechtzeitig auf Halbleiter umgeschichtet hätte, hätte stark profitiert.

Aber seien wir ehrlich: Wer antizipiert eine solche Bewegung zuverlässig im Voraus?

Die meisten bleiben in einer Aktie investiert, weil sie bereits gut gelaufen ist. Das ist menschlich. Aber genau deshalb funktioniert aktive Titelselektion so oft nicht.

Beim Index bist du automatisch bei den Gewinnern dabei

Der grosse Vorteil einer passiven, indexierten Umsetzung ist einfach: Du bist dabei.

Wenn bestimmte Bereiche des Marktes plötzlich durchstarten, profitierst du automatisch mit. Natürlich sind auch die schwächeren Titel im Portfolio enthalten. Aber wenn die Gewinner die Verlierer übertreffen, bildet sich genau das in deiner Rendite ab.

Im Fall der Halbleiterrally 2026 bedeutete das: Wer breit im amerikanischen Markt investiert war, profitierte ebenfalls. Nicht, weil er den Trend vorhergesehen hätte. Sondern weil er den Markt besessen hat.

Und das ist ein riesiger Vorteil. Gewinneraktien steigen im Wert und bekommen dadurch automatisch ein grösseres Gewicht im Index und damit auch im Portfolio.

Auch der Schweizer Markt zeigt die Grenzen der Einzeltitelauswahl

Dasselbe Muster sieht man auch in der Schweiz. Der Schweizer Aktienmarkt hat 2026 bis hierhin sehr gut performt. Aber die Unterschiede zwischen den einzelnen Aktien waren enorm.

Ein Beispiel aus dem SMI:

  • ABB gehörte im ersten Halbjahr 2026 zu den Top-Performern mit über 50 Prozent Plus.
  • Partners Group lag dagegen fast 30 Prozent im Minus.

Das ist eine enorme Differenz. Zwischen bester und schlechtester Aktie liegen in diesem Beispiel rund 80 Prozent Performanceunterschied.

Wenn du die richtige Aktie im Depot hattest, fühlt sich das grossartig an. Wenn nicht, eben nicht. Aber genau das ist der Punkt: In vielen Fällen ist das am Ende vor allem Glück.

Niemand weiss mit Sicherheit, welche Aktie die nächste mit plus 50 Prozent ist. Genauso weiss niemand, welche plötzlich 30 Prozent verliert. Deshalb ist es langfristig so effizient, den gesamten Markt zu kaufen, statt auf einzelne Namen zu wetten.

Der SMI als Ganzes lag inklusive Dividenden über 10 Prozent im Plus. Und genau das ist letztlich das Ziel. Solide Marktrendite erzielen, statt entweder die Hype-Aktie zu erwischen oder mit Pech auf den Verlierer zu setzen.

Die Wissenschaft ist bei diesem Thema ziemlich eindeutig

Wer glaubt, man müsse die künftigen Gewinner nur clever genug identifizieren, sollte einen Blick auf die Daten werfen.

Eine besonders spannende Untersuchung stammt von Professor Hendrik Bessembinder. Er hat Millionen von Renditedaten analysiert und kommt zu einem Resultat, das es in sich hat:

Nur rund 4 Prozent aller Aktien sind langfristig überhaupt verantwortlich für den gesamten Vermögenszuwachs des Aktienmarktes.

Das muss man sich wirklich einmal vor Augen führen. Nur 4 Prozent.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob es grosse Gewinner gibt. Natürlich gibt es die. Die entscheidende Frage ist: Hast du realistisch eine Chance, genau diese 4 Prozent früh genug zu finden?

Für die allermeisten lautet die ehrliche Antwort: nein.

Noch erstaunlicher ist der zweite Befund: Die überwiegende Mehrheit aller Aktien schlägt langfristig nicht einmal eine sichere US-Staatsanleihe.

Das ist schon ziemlich eindrücklich. Und genau deshalb löst ein breit diversifizierter Index ein fundamentales Problem. Du musst die Ausnahmegewinner nicht selbst finden, weil du sie automatisch im Portfolio hast.

Warum auch aktive Fonds das Problem nicht lösen

Ein häufiger Einwand lautet: Wenn ich die Gewinner nicht selbst finde, dann überlasse ich die Auswahl eben Profis.

Das klingt vernünftig. In der Praxis funktioniert es aber meist nicht.

Die Datenlage ist hier seit Jahren klar: Über 90 Prozent der aktiven Fondsmanager schlagen ihren Vergleichsindex langfristig nicht.

Damit stellt sich eine sehr einfache Frage: Warum hohe Gebühren zahlen, wenn das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit schlechter ist als der Markt?

Genau hier wird der Unterschied zwischen Marketing und Evidenz sichtbar. Aktive Fonds klingen oft attraktiv. Wissenschaftlich und mathematisch sind sie in der Breite aber kaum überzeugend.

Die Mathematik spricht gegen aktives Investieren

Man kann das Ganze auch ganz nüchtern betrachten. Der Markt ist kein Gegner. Der Markt ist einfach die Summe aller Anleger.

Vereinfacht gilt:

  • Vor Kosten erzielt der Durchschnittsanleger genau die Marktrendite.
  • Nach Kosten liegt der Durchschnittsanleger unter der Marktrendite.

Das ist reine Mathematik.

Und wenn aktiv investiert wird, entstehen meist noch zusätzliche Nachteile:

  • höhere Managementkosten
  • mehr Handelsgebühren
  • mehr Umschichtungen
  • mehr Opportunitätskosten durch Fehlentscheidungen

Je höher diese Kosten ausfallen, desto grösser wird der Abstand zur eigentlichen Marktrendite.

Was für die meisten Anleger wirklich sinnvoll ist

Wenn man all das zusammenfasst, wird eines klar: Für das Kernportfolio braucht es kein aktives Management im Sinn von laufender Einzeltitelauswahl. Genau das zeigt 2026 wieder sehr eindrücklich. Und eigentlich hat auch 2025 das bereits gezeigt. Genauso wie viele Jahre davor.

Was es braucht, ist:

  • eine saubere Anlagestrategie
  • eine durchdachte Asset-Allokation
  • eine bewusste regionale Gewichtung
  • eine passende ETF-Auswahl
  • eine kostengünstige Umsetzung
  • Disziplin beim Rebalancing

Was es in der Regel nicht braucht, ist ein teures aktives Management oder ein selbstgebautes Portfolio aus vielen Einzelaktien als Hauptlösung für den Vermögensaufbau.

Für die meisten Anlegerinnen und Anleger endet genau das langfristig eher in Enttäuschung. Nicht weil sie zu wenig intelligent wären, sondern weil das Spiel mathematisch, statistisch und verhaltensökonomisch extrem schwierig ist.

Der perfekte Weg: passiv im Kern, aktiv für den Spass

Wenn ich es auf den Punkt bringen müsste, dann so:

Viele aktive Entscheidungen auf Strategieebene, aber eine passive Umsetzung im Kernportfolio.

Und daneben darf es einen Spielplatz geben. Einen Bereich für Spass, Neugier und persönliche Ideen an den Finanzmärkten. Genau diese Kombination ist aus meiner Sicht der richtige Weg.

So entsteht ein Portfolio, das langfristig stark aufgestellt ist und gleichzeitig Raum lässt für Emotion, Lernen und Freude am Investieren.

Das ist für mich das eigentliche Plädoyer fürs passive Investieren: nicht Passivität im Denken, sondern Klarheit in der Strategie. Nicht hektisches Handeln, sondern konsequente Umsetzung. Und nicht alles auf Einzelwetten setzen, sondern den grossen Teil des Vermögens so anlegen, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit zuverlässig für dich arbeitet.

Die beste Investition bleibt am Ende immer auch die in dich selbst.

how2invest.ch

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